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Thomas Will, Heike Karcher, Walter Ullrich, Prof. Wolfgang Schneider, Claudia Weller und Gabriele Fladung Foto

Strahlender Preisträger: Walter Ullrich (Mitte) ist Träger des Kulturpreises 2025 des Kreises Groß-Gerau. Das Bild zeigt (von links): Landrat Thomas Will, Heike Karcher (Jury), Walter Ullrich, Laudator Prof. Wolfgang Schneider, Claudia Weller (Jury) und Gabriele Fladung (Jury). Bild: Kreisverwaltung  

Walter Ullrich erhält Kulturpreis

Landrat Will ehrt engagierten „Heimatpfleger“ in Feierstunde im Kreishaus

KREIS GROSS-GERAU – „Wir ehren heute keinen „Künstler“ im klassischen Sinn, keinen, der Bücher schreibt, der malt oder musiziert. Sondern einen Menschen, der Gesellschaft gestaltet, der aus tiefster demokratischer Überzeugung „Heimatpflege“ betreibt“, sagte Landrat Thomas Will über den Preisträger Walter Ullrich. Bei einer Feierstunde im voll besetzten Georg-Büchner-Saal des Landratsamts hat Will den Pfarrer im Ruhestand mit dem Kulturpreis 2025 des Kreises Groß-Gerau ausgezeichnet. Der Preis, den der Kreis seit 2009 zum achten Mal verleiht, ist mit 5000 Euro dotiert.

Festlich umrahmt von den Klängen der Riedstädter Musikwerkstatt würdigten Will und Laudator Professor Dr. Wolfgang Schneider den Preisträger als Vorbild für Heimatpflege. Der Preis schließe alle Genres, Literatur ebenso wie Musik, Bildende und Darstellende Kunst oder eben Heimatpflege ein, so Will. Voraussetzung sei immer der lokale Bezug: Preisträger*innen müssten entweder im Kreisgebiet ansässig sein, oder die herausragende Leistung, die mit dem Preis gewürdigt wird, müsse sich auf den Kreis beziehen. Landrat Will dankte der Jury sowie dem Fachdienst Kultur für die Ausrichtung des Preises.

Der 1947 in Goddelau geborene Ullrich mache deutlich, wie viel Kraft von gelebter Nächstenliebe, von Pflichtbewusstsein und von einer demokratischen Haltung ausgehe, so der Landrat. „Für den Preisträger bedeutet kirchliche Verantwortung längst nicht nur Seelsorge, sondern auch gesellschaftliche Bildung, Versöhnung und Mut zur Debatte.“  Der Landrat unterstrich die Bedeutung von Kunst und Kultur als essentiellen Teil der Gesellschaft. „Kunst und Kultur zwingen uns zu reflektieren, wer wir sind, was wir schätzen und wie wir leben wollen. Kultur hält Demokratie wach: Kultur stört, kritisiert. Kultur hält uns, der Politik, den Spiegel vor. Walter Ullrich tut genau das: er ist Vorbild dafür, wie man Geschichte zugänglich mach, ohne zu vereinfachen., wie man Menschen ermutigt, Verantwortung zu übernehmen.“

In seiner Laudatio sprach Wolfgang Schneider von Ullrich als Vorbild für Heimatpflege. Für ihn habe Heimat Geschichte. „Er hat eine Passion, mit der er Heimat pflegt: und das meint: beobachtet, beforscht und bedenkt. Als Pfarrer war und ist Ullrich immer auch Pädagoge, also einer, der das Wissen weitergibt“, so Schneider. Schneider erinnerte daran, dass Ullrich 1989 mit Verbündeten den „Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau“ gründete, dessen Vorsitzender er seitdem auch ist.

Dass es die alte Synagoge in Erfelden überhaupt noch gibt, sei keinem anderen als Walter Ullrich zu verdanken, so Schneider. Ebenso habe er sich für die Verlegung von Stolpersteinen stark gemacht und regelmäßig Stadtrundgänge und Besuche auf dem jüdischen Friedhof von Groß-Gerau angeboten. Der Verein habe es sich zur Aufgabe gemacht, verbliebene Zeugnisse jüdischer Kultur aufzufinden, zu dokumentieren und die Erinnerung daran wachzuhalten. Walter Ullrich, so Schneider, sei kein großer Mann, aber ein „großartiger Mensch“. Beim Studium der evangelischen Theologie in Tübingen und Göttingen hatte Ullrich 1968 gelernt, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. Nach dem Predigerseminar in Herborn und dem Vikariat in Cramberg bei Diez wurde er erst Pfarrer in Goddelau, später in Büttelborn und Geinsheim. „Er ist und bleibt ein Menschenfreund und er engagiert sich für all das, was das Menschsein möglich macht, getreu Artikel 1 unseres Grundgesetzes ´Die Würde des Menschen ist unantastbar´“, so Schneider.

Ullrich engagiert sich zudem für das regelmäßige Gedenken an die „Kornsand-Morde“, die kaltblütige Erschießung von sechs Hitler-Gegnern 1945 durch Wehrmachts- und NSDAP-Personal. Und er setzt sich mit viel Leidenschaft für den Erhalt der Mundart ein. 1977 gründete er das „Theater hinner der Kerch“, in Geinsheim die Theatergruppe „Eher wie nedd“. Und als Mundart- und Kerwepfarrer war er zudem viel unterwegs. „Es ist mir eine Ehre, um Namen der Jury, den Kulturpreisträger ehren zu dürfen. Es ist mir ein Anliegen, die Menschen im Kreis aufzufordern, sich ein Beispiel an ihm zu nehmen und sich als tolerante und respektvolle Zivilgesellschaft für eine bunte Vielfalt und Inklusion, für mehr Gerechtigkeit und Miteinander zu engagieren“, so Schneider.

Ullrich bedankte sich für die Ehrung. „Die Augen sind schon heftig feucht geworden, aber das ist nicht schlimm“, sagte er spitzbübisch. Er bedankte sich auf gewohnt launige Art bei all jenen, die ihn bei seinen „verrückten Sachen“ begleitet haben. Seine Vorliebe für Mundart rühre übrigens daher, dass man bestimmte Inhalte mit dem Hessischen einfach besser transportieren könne als auf Hochdeutsch. Auf seinen Gesundheitszustand angesprochen, sagte er, dass es ihm „altersgemäß gutgeht“. „Es wird nicht besser, aber ich übe mit derzeit, das so anzunehmen – aber es klappt nicht immer.“

 

Anmerkung

Bisherige Preisträger*innen des Kulturpreises des Kreises Groß-Gerau waren der Schriftsteller Peter Härtling (Mörfelden-Walldorf), Hans Jürgen Jansen und Monika Trapp (Ginsheim-Gustavsburg) für ihre Verdienste um die Leseförderung, der Rüsselsheimer Verein IKS-Jazz-Verein, der Gernsheimer Künstler Mario Derra, die Autorin und Verlegerin Christel Göttert (Rüsselsheim), das Kulturzentrum „das Rind“ in Rüsselsheim sowie Axel Schiel und Andrea Engler (Mainspitze) für vielfältige kulturelle Aktivitäten.