Netzwerk im Kreis leistet gute Arbeit
KREIS GROSS-GERAU – Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen wird jährlich am 25. November begangen. Aus diesem Anlass informieren Judith Kolbe, Leiterin des Büros für Frauen und Chancengleichheit beim Kreis Groß-Gerau, und Melanie Arnold von der Polizeidirektion Groß-Gerau rund um das Thema.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Netzwerk gegen Gewalt im Kreis Groß-Gerau?
Judith Kolbe: Das Netzwerk gegen häusliche und sexualisierte Gewalt in der Familie und im sozialen Nahraum im Kreis Groß-Gerau besteht in seiner heutigen Form seit 2006. Fachberatungsstellen, Polizei und Verwaltung arbeiten hier eng zusammen und treffen sich dreimal jährlich zum Austausch. In Untergruppen zu den Themen Partnerschaftsgewalt und sexualisierte Gewalt gegen Kinder wird die Zusammenarbeit thematisch vertieft. Mit der Zusammenarbeit im Netzwerk möchten wir erreichen, dass der Schutz vor Gewalt und die Beendigung von Gewalt durch abgestimmte und vernetzte Handlungskonzepte verbessert werden und dadurch ein Beitrag zur Enttabuisierung innerhalb der Gesellschaft geleistet wird.
Welche Erfolge konnten dabei in den letzten Jahren erreicht werden?
Judith Kolbe: In den vergangenen Jahren konnten Cyberstalking & digitale Gewalt, Spiking & K.o.-Tropfen, Umgangsrecht und häusliche Gewalt, Stalking und Alltagssexismus platziert und in unterschiedlichen Formaten (Präsenz, Online-Themenabende) thematisiert werden. Darüber hinaus wurde durch die neu geschaffene Stelle der Präventionsbeauftragten ein Rahmen geschaffen, indem begonnen werden kann die Vorgaben der Istanbul-Konvention für den Kreis Groß-Gerau umzusetzen. Die Entscheidung für den Bau des zweiten Frauenhauses im Kreis ist hier ebenso zu nennen wie die Schaffung des neuen Beratungsangebots zum Thema Ehrverbrechen. Außerdem konnten nun auch wieder die jährlichen Kinovorführungen für Schulklassen zum Thema häusliche Gewalt und Cybergrooming im Rahmen des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und Mädchen aufgenommen werden.
Welche Bedeutung hat der 25. November?
Judith Kolbe: Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen ist ein am 25. November jährlich stattfindender Gedenk- und Aktionstag zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt jeder Form an Frauen und Mädchen. Denn Gewalt gegen Frauen ist noch immer alltäglich und für die meisten Opfer, aber auch in deren Umfeld, ein Tabuthema. Im Rahmen des Aktions- und Gedenktages finden international thematische Veranstaltungen zur Einhaltung der Menschenrechte gegenüber Frauen und Mädchen statt, so auch bei uns im Kreis Groß-Gerau.
Geschichtlicher Hintergrund für die Initiierung des Aktionstages war der Fall der Schwestern Mirabal, die am 25. November 1960 vom Geheimdienst der Dominikanischen Republik ermordet wurden.
Was versteht man unter dem Proaktiven Ansatz?
Melanie Arnold: Gewaltbelastete Beziehungen folgen einem bestimmten Muster. Die Übergriffe sind keine Einzelfälle, sondern ein Teil eines komplexen Machtverhältnisses. Die Gewalt beginnt meist schleichend, die Abstände zwischen den Übergriffen werden von Mal zu Mal kürzer, die Intensität nimmt zu. Durch die jahrelang gewaltgeprägte Lebenssituation entwickeln von häuslicher Gewalt Betroffene häufig eine psychische Instabilität. Sie verhalten sich oft ganz anders als Opfer sonstiger Straftaten.
Betroffene sind häufig nicht in der Lage, selbstständig aktiv zu werden und befinden sich in einer „Gewaltspirale“, aus der sie oftmals ohne externe Hilfe nicht herauskommen. Opfer häuslicher Gewalt kehren in den meisten Fällen zum gewalttätigen Partner zurück, gerade wenn Täterstrukturen nicht erkannt werden und sie in einem Abhängigkeitsverhältnis perspektiv- und orientierungslos sind.
Betroffene befinden sich nach einer Gewalteskalation mit Polizeieinsatz in einer extrem belastenden Ausnahmesituation. Zum Schutz werden unmittelbar gefahrenabwehrende Maßnahmen geprüft und in der Regel auch eingeleitet. Um weitere Straftaten zu verhindern, ist die zeitnahe Vermittlung der Opfer an spezielle Fachberatungsstellen (Interventionsstellen) unabdingbar. Dies kann durch die Umsetzung des „Proaktiven Ansatzes“ der Polizei erzielt werden. Das Beratungsangebot wird daher direkt bei der Tatortaufnahme durch die Polizei erfolgen. Mit der Zustimmung / Unterschrift der Opfer werden die persönlichen Daten an die Fachberatungsstelle weitergeleitet, die zeitnah telefonischen Kontakt mit den Geschädigten aufnimmt und ein Unterstützungsangebot unterbreitet.
Meine siebenjährige Erfahrung als Häusliche-Gewalt-Koordinatorin zeigt, dass für Opfer von häuslicher Gewalt die psychosoziale Unterstützung durch die Interventionsstelle ausschlaggebend ist, um weitere Schritte „eigenständig“ einleiten zu können und sich endgültig aus der Gewaltbeziehung zu befreien.
Wie haben sich die (Delikt-)Zahlen im Kreis Groß-Gerau entwickelt?
Melanie Arnold: Straftaten im Kontext häuslicher Gewalt gehören zu den Delikten mit einem großen Dunkelfeld. Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik zeigt die im Landkreis Groß-Gerau angezeigten Straftaten. Wir sprechen vom sogenannten Hellfeld der häuslichen Gewalt. Die Polizeidirektion Groß-Gerau verzeichnet im Bereich häusliche Gewaltdelikte seit Jahren einen stetigen Anstieg von 10 bis 20 %. Im Berichtsjahr 2023 konnten wir erstmalig einen Rückgang von 4% der häuslichen Gewalt-Zahlen sehen. Es wurden 21 Straftaten weniger als im Vorjahr registriert. Insgesamt wurden 543 Straftaten in Zusammenhang mit häuslicher Gewalt angezeigt.
Die proaktive Vermittlung von Opfern an die Interventionsstellen war vor einigen Jahren überschaubar und hielt sich niedrigen Bereich, obwohl die Fallzahlen jährlich anstiegen.
In den vergangenen drei Jahre konnten im Schnitt ungefähr 40% der von häuslicher Gewalt Betroffenen „proaktiv“ durch die Polizei an die Beratungsstelle vermittelt werden. Erfahrungsgemäß nehmen davon zwei Drittel der vermittelten Opfer später auch das Beratungsangebot in der Hilfseinrichtung direkt wahr. Dies könnte auch ein Erklärungsansatz für den Fallzahlenrückgang sein.
Durch das Zusammenspiel von verschiedenen Maßnahmenpaketen - unter anderem von Einleitung gefahrenabwehrender Maßnahmen und der direkten Vermittlung an Fachberatungsstellen - können Geschädigten eine Stabilisierung erfahren und haben überhaupt eine Chance, die „Gewaltspirale“ zu durchbrechen. Dadurch können Wiederholungstaten verhindert werden und dies kann mittelfristig zur Senkung der Fallzahlen beitragen.
Was sind die Aufgaben einer Opferschutzkoordinatorin und wie funktioniert die Zusammenarbeit innerhalb der Polizei?
Melanie Arnold: Als Opferschutzkoordinatorin der Polizeidirektion Groß-Gerau bin ich dem Fachbereich Prävention in der Führungsgruppe angegliedert. Dabei stehe ich polizeiintern, aber auch extern in präventiven Themen als Ansprechpartnerin zur Verfügung und betreue Projekte und Kampagnen der polizeilichen Prävention.
Opfer- und Angehörigennachsorgen gehören ebenso in meinen Arbeitsalltag wie interne Schulungen und das Monitoren von häuslichen Gewalt-Fällen im Kreis Groß-Gerau. Dabei arbeite ich eng mit unseren speziell ausgebildeten häuslichen Gewalt-Sachbearbeiterinnen und -Sachbearbeitern in den Kommissariaten und dem Gefährdungslagenmanagement zusammen.
In den letzten Jahren wurden gerade im Bereich der häuslichen Gewalt interne Schulungen intensiviert, Standards priorisiert und Arbeitsabläufe optimiert.
Dem Netzwerk gegen Gewalt des Kreises Groß-Gerau stehe ich mit meiner polizeilichen Expertise beratend zur Verfügung. Durch die unterschiedliche Fachlichkeit des Netzwerks kann die häusliche Gewalt dort gemeinsam aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und dabei versucht werden, dem Deliktsbereich mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten entgegenzuwirken und Betroffene von häuslicher Gewalt im Netzwerk optimal aufzufangen und zu unterstützen.
Der enge Austausch innerhalb des Netzwerks gegen Gewalt im Landkreis und die gute Zusammenarbeit, aber auch die Bewusstseinssteigerung von Opferbedarfen innerhalb der Polizei führten letztlich zu einer steigenden Umsetzung des proaktiven Ansatzes. Opfer von häuslicher Gewalt innerhalb des Kreises Groß-Gerau können somit bestmöglich unterstützt werden.
Infobox:
Häusliche Gewalt kann auf jeder Polizeistation angezeigt werden. In Akutfällen ist immer der Notruf der Polizei 110 zu wählen. Die speziellen Fachkommissariate für häusliche Gewalt K41 in Rüsselsheim und K42 in Groß-Gerau stehen während der normalen Geschäftszeiten zur Verfügung. Das K41 ist telefonisch über die Polizeistation Rüsselsheim (06142 696-0) und das K42 ist telefonisch über die Polizeistation Groß-Gerau (06152 175-0) erreichbar.
Weibliche Betroffene erhalten Beratung bei Frauen helfen Frauen e.V. unter 06152 80000.Männliche Betroffene erhalten Beratung bei der Darmstädter Hilfe unter 06151 9714200.
Die Täter*innenberatung erreichen Sie über das Diakoniezentrum unter 06152 17268 10.
Das bundesweite Hilfetelefon bietet 24/7 anonyme Beratung zum Thema Häusliche Gewalt unter 116 016.
Bei Fragen zum Netzwerk können Sie sich an das Büro für Frauen und Chancengleichheit unter bfc@kreisgg.de wenden
Kreis und Polizei arbeiten gut zusammen, um Gewalt gegen Frauen zu reduzieren. Dafür stehen (von links) Alexander Lorenz, Leiter der Regionalen Kriminalinspektion der Polizeidirektion Groß-Gerau mit Standort Rüsselsheim, Judith Kolbe, Leiterin des Büro für Frauen und Chancengleichheit des Kreises Groß-Gerau, Melanie Arnold, Opferschutzkoordinatorin der Polizeidirektion Groß-Gerau, und Erster Kreisbeigeordneter Adil Oyan. Foto: Polizeidirektion
