Instrumentenbau mit Tradition
KREIS GROSS-GERAU – Der letzte Unternehmensbesuch des Kalenderjahres führte Landrat Thomas Will nach Nauheim, wo die Firma Josef Lausmann seit 1968 Mundstücke für Metallblasinstrumente fertigt. Die Besuchergruppe, zu der neben dem Landrat die Erste Beigeordnete der Gemeinde Nauheim, Rosalia Radosti, sowie Helga Stadler, ebenfalls vom Gemeindevorstand, und Jonas Margraff von der Kreiswirtschaftsförderung gehörten, wurde sehr freundlich empfangen.
Seniorchefin Ursula Lausmann, Geschäftsführerin Annette Kirst und der Produktionsleiter Uwe Klodtka gaben den Gästen zunächst im Büro spannende Einblicke in die Firmengeschichte, die bereits vor 125 Jahren begann und einer bewegten Familiengeschichte folgte. Sie erzählten von Richard Lausmann, der 1899 in Eibenberg bei Graslitz im heutigen Tschechien den Betrieb gründete und gemeinsam mit seinem Bruder Franz begann, Schrauben und verschiedene andere Metallbauteile für die Musikindustrie herzustellen. In den 1930er Jahren übernahmen dann die Söhne Josef und Franz die gut laufenden Geschäfte mit damals 40 Mitarbeitenden, bis sie 1945 ihren Betrieb schließen mussten, enteignet und vertrieben wurden.
Nachdem sich die Familie Lausmann zunächst in Melsungen niedergelassen hatte, gelangte sie 1953 nach Rüsselsheim-Königstädten, wo sie die Firma Josef Lausmann oHG neu gründete und die Produktion wiederaufnahm. In den 1960er Jahren begann der Betrieb sich auf seine heutigen Produkte, die Mundstücke für Metallblasinstrumente, zu konzentrieren und knüpfte erste Kontakte zu Abnehmern in den USA. 1968 fanden das Unternehmen und die Familie Lausmann dann in Nauheim endgültig eine neue Heimat.
Dort hatten sich bereits andere namhaften Unternehmen aus dem Instrumentenbau niedergelassen, die ebenfalls aus der Region Graslitz vertrieben worden waren. Diese Konzentration von Instrumentenherstellern wie „Wenzel Schreiber & Söhne“, „Julius Keilwerth Saxofon und Metallblasinstrumentenbau“ oder „Josef Püchner Holzblasinstrumente“ prägte lange Zeit den Wirtschaftsstandort Nauheim und gab der Gemeinde bis heute den Zusatz „Musikgemeinde“.
Während einige dieser Unternehmen Nauheim in der Zwischenzeit den Rücken kehrten, ist die Lausmann oHG fest am Standort verhaftet. Sie investierte in den 1990er Jahren kräftig und stellte die Produktion auf CNC-gesteuerte Drehmaschinen um. Dies war in der stark von Handarbeit geprägten Branche eine regelrechte Revolution und ermöglicht dem Unternehmen heute mit nur zehn Mitarbeitenden und insgesamt sieben CNC-Drehmaschinen, jährlich ca. 160.000 Mundstücke für Blasinstrumente zu produzieren.
Wo denn so viele Mundstücke jedes Jahr nachgefragt werden, wollte der interessierte Landrat wissen. „Das weiß ich manchmal selber nicht“, scherzte Frau Lausmann und berichtetet stolz, dass ca. 80 Prozent der Produktion in die USA exportiert werde. „Hier ist der Markt einfach am größten. Jede Schule, jedes College hat ein eigenes Orchester“, erklärte Produktionsleiter Uwe Klodtka. Aber auch Instrumentenbauer und Großhändler aus Deutschland, wie die Arnold Stölzel GmbH aus Wiesbaden, sind wichtige Abnehmer.
Annette Kirst zeigte sich erfreut über die aktuell sehr gut laufenden Geschäfte und den hohen Absatz. Sie konstatierte, dass ihr Unternehmen bis zu 180 verschiedene Mundstücke produziere, die bei Trompeten, Flügelhörnern, Tuben und Posaunen zum Einsatz kommen. Diese große Vielfalt ist jedoch nicht nur den verschiedenen Instrumenten geschuldet, sondern „eigentlich benötigt jeder Mund ein individuelles Mundstück“, erklärte Uwe Klodtka.
Diesen Anforderungen kann die maschinelle Produktion bei Lausmann zwar nicht gerecht werden, aber mit 180 Auswahlmöglichkeiten kommt man der Individualität schon sehr nah. „Wir produzieren für die breite Masse“, hält Klodtka fest. „Das bedeutet, unsere Mundstücke kosten im Verkauf zwischen 25 und 50 Euro, während ein handgefertigtes Mundstück als maßgeschneidertes Unikat schnell das Zehnfache kosten kann.“
Nach dieser Lehrstunde in Sachen Instrumentenbau freuten sich die Besucher*innen, einen Blick in die 1.500 Quadratmeter große Produktionshalle werfen zu dürfen und die Entstehung eines Instrumentenmundstücks Schritt für Schritt nachzuvollziehen. Ausgangstoff im Herstellungsprozess bilden Rundstangen aus Messing, die zur Verarbeitung in die CNC-Maschinen eingespannt werden. Die Messingstangen werden aus Süddeutschland angeliefert und nur 40 Prozent des Materials gehen letztlich in das Endprodukt ein.
Der als Späne anfallende Abfall wird aber keineswegs entsorgt, sondern geht, ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft, an den Hersteller zurück, der daraus wieder neue Messingstangen formt und erneut nach Nauheim liefert. „Dies ist nachhaltig und spart enorme Kosten“, sagt der Produktionsleiter.
Wenn die Messingmundstücke aus den Drehmaschinen fallen, sehen sie für den Laien bereits fertig aus, für den Instrumentenbauer beginnt nun aber der aufwendigste Teil der Arbeit. Die Mundstücke werden graviert und müssen viele Male poliert werden, bis sie den Anforderungen der Kunden entsprechen. Anschließend werden sie mit einer Silberlegierung überzogen und der Endkontrolle unterzogen. Zu guter Letzt wandern sie zu dem Arbeitsplatz, an dem die 85-jährige Ursula Lausmann heute noch täglich drei bis vier Stunden steht und die fertigen Mundstücke für den Versand vorbereitet. „Ohne diese Arbeit wird mir ja noch langweilig“, sagte die gut gelaunte Seniorchefin und beeindruckte mit dieser Lebensfreude Landrat Will und die ganze Besuchergruppe.
