Beeindruckende Reise nach Schweden
KREIS GROSS-GERAU – Die Rolle Schwedens im Zweiten Weltkrieg und auch die Frage nach der heutigen gesellschaftspolitischen Situation - insbesondere im Vergleich des dortigen Rechtspopulismus mit den Verhältnissen in Deutschland - war Thema eines mehrmonatigen Schulprojekts. Daran nahmen Schüler*innen der Bertha-von-Suttner-Schule Mörfelden-Walldorf, der Prälat-Diehl-Schule Groß-Gerau und der Ricarda-Huch-Schule Dreieich teil. Neun von ihnen berichteten in der vergangenen Woche im Groß-Gerauer Landratsamt vor rund 40 Gästen über die Ergebnisse des Projekts.
Zu der Veranstaltung begrüßten Nilüfer Aldmeri von der Fachstelle gegen Rechtsextremismus und Rassismus und Sedef Yıldız, Leiterin des Büros für Integration, die das Projekt mit bezuschusst hatten. Vorbereitet und organisiert wurde es von der Margit-Horváth-Stiftung in enger Absprache mit der „Bertha“.
Die inhaltliche Vorbereitung des Projekts begann bereits im Sommer 2024, als zwei Referenten über Rechtsextremismus Vorträge hielten. Vom 17.- 22. November 2024 war die Gruppe dann in Stockholm. Die Jugendlichen berichteten von ihrem Besuch im dortigen jüdischen Museum, der relativ kurzen Geschichte des schwedischen Judentums, dem dortigen Antisemitismus im frühen 20. Jahrhundert, der verbreiteten Ablehnung gegenüber jüdischer Einwanderung, der Befürwortung des „J“ in den Reisepässen deutscher Juden. Erst nach der Reichspogromnacht sei das Land bereit gewesen, 450 deutsche jüdische Kinder aufzunehmen – ohne deren Eltern.
Die Jugendlichen berichteten eindrucksvoll von ihren Gesprächen mit Kindern von Holocaust-Überlebenden der KZ-Außenstelle Walldorf, die bei Kriegsende über das Rote Kreuz nach Schweden kamen. Sie betonten in ihrer Präsentation immer wieder, wie wichtig es für sie war, die Zeit des deutschen Nationalsozialismus einmal differenzierter aus der Perspektive eines anderen Landes kennenzulernen.
Das Hauptinteresse der schwedischen Politik war es zu vermeiden, in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen zu werden. Dafür machten sie viele Zugeständnisse an die deutsche Regierung (z.B. Truppendurchmarsch, Erzlieferungen). Politische Flüchtlinge wurden observiert, nicht selten auch interniert. Während der Reise wurde ein Denkmal, das die Margit-Horváth-Stiftung vorbereitet hatte, in Smedsbo/Dalarna gemeinsam eingeweiht. Dort waren u.a. Herbert Wehner und Immanuel Birnbaum (später stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung) inhaftiert.
Viele der genannten Themen führten die Jugendlichen immer wieder zu der Frage: Was heißt eigentlich „Neutralität“ während eines Krieges? Wofür steht man, wenn man erklärt „neutral“ zu sein? Hat man eigene Werte, für die man eintritt, oder will man sich einfach raushalten? Wie ist das zu bewerten? Wie sehen wir das heute - z.B. im Hinblick auf die Ukraine oder auch den Nahen Osten?
Der zweite große Themenkomplex „Rechtspopulismus“ wurde am Beispiel der Entwicklung der Partei der Schwedendemokraten und deren Einfluss heute besprochen. Die Schwedendemokraten, 1988 zunächst als offen rassistische Partei gegründet, geben sich heute verbal zwar weniger radikal, doch die antimuslimische Haltung existiert deutlich. Eine suggerierte Gefahr und Angst vor Muslim*innen spielte in Gesprächen und auch auf der Straße, in Läden und Gaststätten immer wieder eine Rolle, so der Bericht.
So freundlich, offen und hilfsbereit einige der Jugendlichen Stockholm erfahren haben, so deutlich unterschied sich dies von den Erfahrungen einiger Projektteilnehmerinnen, die Kopftuch tragen oder eine dunklere Hautfarbe haben. Was anfangs fast ungläubig wahrgenommen wurde, verdichtete sich, als die Reisegruppe bewusst an einem Tag in einen migrantischen Stadtteil Stockholms fuhr und dort mit einer jungen Iranerin im Museum sprach. Die Jugendlichen berichteten von der Segregation, die über die schwedische Wohnungspolitik eingeleitet wird, über die Schließung von Sozialzentren und Jugendclubs, seitdem die Partei der Schwedendemokraten Einfluss auf die Regierung hat. Und von dadurch zunehmend eskalierenden sozialen Probleme. Der Unterschied zwischen den Lebensbedingungen in diesem Stadtteil und dem Stadtzentrum von Stockholm sei ein „Kulturschock“.
Doch auch ein extrem positives Vorbild für die Arbeit mit migrantischen Jugendlichen lernten sie an einem anderen Tag kennen: „Fryshuset“, ein durch Sponsoren finanziertes Jugendzentrum plus Schule. Die dortige Form der pädagogischen Arbeit, die an den positiven Eigenschaften jedes Einzelnen ansetzt, begeisterte die Jugendlichen.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die die Schüler*innen bei dem Projekt gesammelt haben, war es, dass die Geschichtserzählung in den Schulen Geschichte zu wenig greifbar und nachvollziehbar macht. Die Bedeutung des Erinnerns und von „Nie wieder ist jetzt!“ hat seit ihrer Bildungsreise eine ganz andere Bedeutung für die Jugendlichen. Durch persönliche Gespräche mit Überlebenden, mit Kindern der Überlebenden und auch Gespräche mit Betroffenen von Rassismus in der Gegenwart hat dazu geführt, dass sie ein ganz anderes Gefühl für Menschen und Geschichte bekommen haben.
Als aus dem Publikum die Frage aufkam, wie sie jetzt in ihrem Alltag mit den Erfahrungen und Erkenntnissen umgehen wollen, lautete die Antwort: Sie wollen sich einsetzen für eine Gesellschaft der Vielfalt, der Menschlichkeit und gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung. Auch wurde deutlich, wie wichtig das Projekt für die Schüler*innen war, auch weil es ihren Blick auf eine internationale Ebene geweitet hat.
Am 15. Mai um 19 Uhr wollen sie das Schulprojekt nochmals im Horváth-Zentrum für einen weiteren Sponsor, den Lions Club Frankfurt-Goethestadt, präsentieren - natürlich auch mit Einladung an die breite Öffentlichkeit.
Neun Jugendliche berichteten im Landratsamt von ihrem Schweden-Projekt. Begleitet wurde die Gruppe von Christian Bredow (2.v.l.), Lehrer der Bertha-von-Suttner-Schule, und Cornelia Rühlig, Vorstandsvorsitzende der Margit-Horváth-Stiftung (rechts). Insgesamt nahmen 17 Schüler*innen am Projekt teil. Die meisten stehen kurz vor dem Abitur. Foto: Kreisverwaltung
