Auf keinen Fall Mainstream
KREIS GROSS-GERAU – Herzblut, nah dran an den Kunst-Menschen, tolles Programm, auf keinen Fall Mainstream: Das soziokulturelle Zentrum „das Rind“ in Rüsselsheim ist Träger des Kulturpreises des Kreises Groß-Gerau. Landrat Thomas Will und Professor Wolfgang Schneider würdigten am Sonntag im Rahmen einer Feierstunde im Landratsamt die Arbeit des Vereins und überreichten Florian Haupt vom Trägerverein „Verein für Freizeit und Kultur“ die Urkunde – verbunden mit einem Preisgeld in Höhe von 5000 Euro. Der Jazz-Pianist und Musikproduzent Matthias Vogt gestaltete das musikalische Programm. Das Team des Kulturbüros des Kreises um Jochen Melchior hatte die Feier organisiert.
Nach Peter Härtling, Hans Jürgen Jansen und Monika Trapp, dem Verein „IKS Jazz e.V.“, Mario Derra und Christel Göttert zeichnete der Kreis heute wieder einen kleinen, aber feinen Verein aus, der für die musikalischen Traditionen hier im Kreis steht. „Das Rind aus Rüsselsheim fügt sich ganz hervorragend in die Reihe der Preisträger“, sagte Landrat Will. „Haltung zeigen, Engagement fördern, für eine vielfältige, bunte Kultur streiten, die Integration verschiedener Altersgruppen, sozialer Schichten, Nationalitäten fördern, Menschen an demokratische Entscheidungsstrukturen beteiligen – ein soziokulturelles Zentrum, wie es „das Rind“ ist, ist für das kulturelle Angebot im Kreis unverzichtbar“, so Will.
„Der neue Kulturpreisträger verbindet in eindrucksvoller Weise zwei der wichtigsten Aufträge, die Kunst und Kultur in unserem Land sei eh und je zu erfüllen haben: Menschen emotional zu bewegen und Menschen über alle sozialen und kulturellen Barrieren hinweg zusammenzuführen und zu guten Nachbarn zu machen“, sagte der Landrat. Das „Rind“, 1992 gegründet, sei in der Tat viel mehr als nur ein Veranstaltungsraum in Rüsselsheim. „Kultur darf für die Politik kein Schmankerl sein, das nur an guten Tagen auf den Tisch kommt. Kultur bedeutet immer auch: Auseinandersetzung, Diskurs. Über Kultur lässt sich trefflich streiten, und ich bitte sie alle: Machen sie davon Gebrauch, streiten sie, argumentieren sie. Beschäftigten sie sich mit Kultur“, rief der Landrat den Gästen zu.
Die Bedeutung der Einrichtung unterstrich der Kulturwissenschaftler Professor Wolfgang Schneider. In seiner Festansprache betonte er, dass sich das „Rind“ in fast 28 Jahren zu einer wichtigen, herausragenden, unverzichtbaren Kultureinrichtung entwickelt habe. Schneider hatte viele Personen aus Kultur und Politik der Stadt zum „Rind“ befragt und viel Lob aus berufenem Munde in die Laudatio einfließen lassen. Vielen in der Stadt und Umgebung gilt das „Rind“ als wichtigste Begegnungs- und Kulturstätte. Vielfalt, hohe Qualität des Künstlerischen, eine Vorliebe zum Jazz zeichneten den Ort aus.
Trotz öffentlicher Förderung agiere das „Rind“ unabhängig, mal für ein Dutzend Fans, mal gut gefüllt, auf gar keinen Fall Mainstream oder aus monetären Gründen – eben nah dran an den Künstlern. Sowohl im Kulturprofil als auch in anderen Beschlussfassungen habe der Magistrat Rüsselsheims ausdrücklich festgestellt, dass die Förderung kultureller Angelegenheiten drei Schwerpunkte habe, Theater, Opelvillen und das „Rind“, so Schneider.
Dabei sei das Verhältnis von Stadt und Rind nicht immer unproblematisch gewesen, erinnerte er. Als funktionsfähiges autonomes Kulturzentrum mit abwechslungsreichem und qualitativ hochwertigem Programm für junge und junggebliebene Menschen der Stadt und der Region, zitierte er den Magistrat, soll das „Rind“ als Zentrum für moderne und alternative Kultur sowie Popkultur gesichert werden. Soziokulturelle Zentren seien fester Bestandteil der kulturellen Infrastruktur in Deutschland. Mit neuen sozialen Bewegungen seien die Zentren zu Beginn der 1970er Jahre entstanden. „Damals waren sie Teil eines gesellschaftlichen Wandels“, sagte Schneider. Soziokultur habe sich als Gegenöffentlichkeit zum bürgerlichen Kunstbetrieb verstanden.
Seit dem Volksentscheid in Hessen von 2018 sei Kulturpolitik, auch die der Kommunen, keine freiwillige Aufgabe mehr, sondern Staatsziel, betonte Schneider. Die hessischen Zentren der Soziokultur, so steht es in der Koalitionsvereinbarung von CDU und Grünen, „bieten ihrem Publikum ein genreübergreifendes ganzjähriges Veranstaltungsprogramm“. Es sei also nicht mehr nur eine Frage des ob: ob das hier und heute zu preisende „Rind“ öffentliche Unterstützung erfahren solle, sondern es gehe nur noch um das wie. „Es gilt Planungssicherheit zu gewähren“, betonte Professor Schneider. „Die Rolle vom Rind darf gerne auch weiter entwickelt werden, zum Beispiel als Nukleus eines neuen kulturellen Zentrums der Stadt im Opel Altwerk.“
„Rind“-Betreiber Florian Haupt bedankte sich für die Lobreden – vor allem natürlich bei seinem Team und den „Alt-Rindern“, die zur Preisverleihung in den Georg-Büchner-Saal gekommen waren. Er betonte, dass das „Rind“ nicht nur eine Abspiel- und Aufführungsstätte, sondern ein wichtiger Ort der Begegnung. Der Preis sei „immens wichtig für uns“ und werte die eigene Arbeit auf. „Das ist eine tolle Anerkennung“, sagte Haupt. Das Preisgeld übrigens soll in eine Leinwand und in einen Beamer investiert werden – damit der Kinobetrieb weiter ausgebaut werden kann.
Das soziokulturelle Zentrum „das Rind“ erhält den Kulturpreis des Kreises 2019. Betreiber Florian Haupt (Mitte) freut sich Landrat Thomas Will (links9 und Laudator Professor Wolfgang Schneider sowie den Jury-Mitgliedern Gabriele Fladung (ganz links) und Claudia Weller (ganz rechts) über die Auszeichnung. Bild: Kreisverwaltung
