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„Trippelschritte“ helfen nicht weiter

Prof.in Süssmuth zu „100 Jahre Frauenwahlrecht“ in Groß-Gerau

Engagiert für Frauenrechte: Die frühere Bundesfrauenministerin und Präsidentin des Deutschen Bundestags, Prof. in Dr.in Rita Süssmuth, hielt bei der Kreistagssondersitzung zu „100 Jahre Frauenwahlrecht“ die Festansprache. Im Bild neben ihr Landrat Thomas Will (links) und der Erste Kreisbeigeordnete Walter Astheimer. Foto: von Haza-Radlitz

KREIS GROSS-GERAU – „Wir sind keine Bittstellerinnen mehr“ –  mit dieser Aussage hat Prof.in Dr.in Rita Süssmuth bei der Kreistagssondersitzung zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“ den meisten der rund 250 Gäste im Georg-Büchner-Saal des Landratsamts aus der Seele gesprochen. Die frühere Frauenministerin und Bundestagspräsidentin, die auf Einladung des Kreisausschusses nach Groß-Gerau gekommen war, ermunterte die Frauen, nicht aufzugeben und in ihrem Engagement um Gleichstellung bloß nicht nachzulassen.   

Frauen müssten Druck machen, um die politischen Ziele zu erreichen, betonte die 81 Jahre alte Politikerin. „Trippelschritte reichen in der beschleunigten Zeit nicht aus, das können wir uns nicht leisten“, sagte sie. Die frühere Politikerin ist überzeugt, dass auch Deutschland eine gesetzliche Quote wie in Frankreich benötige, um den Anteil der Frauen in der Politik und in der Wirtschaft zu erhöhen. „Wir brauchen in dieser Frage Verbindlichkeit, damit wir nicht sagen können, Frauen wollen ja nicht“, sagte sie. Sie sei nicht als „Quotenfrau geboren“ worden, sagte sie. Die Arbeit in der Politik habe sie aber gelehrt, dass man sich nicht allein auf die eigene Leistung verlassen könne.  

In einigen Bereichen könne man sogar rückläufige Tendenzen bei der Gleichstellung von Frauen beobachten – etwa bei der Diskussion um den Schutz des ungeborenen Lebens. Die starke Stimme der Frauen sei heute wieder sehr nötig, damit Errungenschaften aus der Vergangenheit nicht wieder aufgegeben werden, sagte Süssmuth. So sei die schlechtere Entlohnung der von Frauen geleisteten Arbeit nicht hinnehmbar. „Ich ermuntere Sie, geben Sie nicht auf“, beendete Rita Süssmuth ihre mit viel und langanhaltendem Applaus gewürdigte Festrede.  

Landrat Thomas Will dankte Süssmuth für die mahnenden und klaren Worte. 100 Jahre Frauenwahlrecht seien kein Grund sich zurückzulehnen. Gleiche Rechte für Männer und Frauen seien noch immer nicht selbstverständlich, gerade wenn es um die Entlohnung gehe, sagte Will. Politik sei nach wie vor ein „männerdominiertes Geschäft“. Als Landrat setze er sich dafür ein, dass die Vereinbarkeit von Familie weiter gestärkt werde. „Ich wünsche mir, dass Frauen-Engagement insgesamt mehr wertgeschätzt wird“, sagte der Landrat. „Engagierte Frauen gab und gibt es viele im Kreis Groß-Gerau“, sagte Will.    

Zuvor hatte der Kreistagsvorsitzende Gerald Kummer die Sondersitzung ganz offiziell eröffnet. „Es ist gut, dass sich das oberste Organ des Kreises diesem wichtigen Thema annimmt“, betonte der Landtagsabgeordnete. Er konnte neben den beiden früheren Landräten Willi Blodt und Enno Siehr auch zahlreiche aktuelle und ehemalige Abgeordnete des Hessischen Landtags sowie viele Bürgermeister aus den Kreisgemeinden unter den vielen Gästen im Kreishaus begrüßen. Kummer erinnerte in seiner Ansprache an Anna Luise Dickmann aus Mörfelden, die 1946 als erste Frau in den Kreistag von Groß-Gerau gewählt wurde. Sie blieb Abgeordnete bis 1952. Gut ein Drittel der Mitglieder des Kreistags seien heute Frauen, so Kummer: „Das ist noch nicht zufriedenstellend.“  

Nach den offiziellen Reden während der Kreistagssondersitzung eröffneten Judith Kolbe und Simone Anthes vom Büro für Frauen und Chancengleichheit die Ausstellung „Mir koche vor Wut – Engagierte Frauen als Erfolgsrezept für die Politik im Kreis Groß-Gerau“ im Foyer. Auf 19 Roll-Ups sind spannende Biografien von Frauen aus allen Städten und Gemeinden des Kreises zu lesen, die außergewöhnliches Engagement gezeigt haben. „Was die Ausstellungsmacherinnen nach einem Jahr der Recherche zusammengetragen haben, ist verblüffend vielfältig“, sagte der Landrat lobend.  

„Mir koche vor Wut“ – der Titel der Ausstellung geht auf ein Lied der Küchenbrigade Mörfelden-Walldorf zurück. Aufgenommen für die Anti-Startbahnplatte zeigt es, dass Kochen und warme Mahlzeiten in diesem Fall sehr politisch sein können. Aus einem losen Zusammenschluss von Frauen wurde eine feste politische Gruppe, die nicht nur für jene kochte, die im Wald demonstrierten, sondern sich auch an vielen Demonstrationen beteiligte und vom damaligen Polizeipräsidenten als „das logistische Zentrum des Widerstands“ bezeichnet wurde. Das Lied der Küchenbrigade brachte der Chor der Kreisverwaltung Groß-Gerau im Rahmen der Feierstunde als Gesangseinlage zu „100 Jahre Frauenwahlrecht“ im Georg-Büchner-Saal zu Gehör – an der Gitarre übrigens begleitet von Bodo Kolbe, der das Lied seinerzeit geschrieben hat.

 Das Büro für Frauen und Chancengleichheit des Kreises Groß-Gerau hat die Ausstellung „Mit koche vor Wut – engagierte Frauen als Erfolgsrezept für die Politik im Kreis Groß-Gerau“ erarbeitet. Im Rahmen der Kreistagssondersitzung wurde die Ausstellung eröffnet. Sie ist bis zum 7. Dezember 2018 im Foyer des Landratsamts zu sehen. Danach macht sie in den Kommunen des Kreises Station, Start ist vom 14. Januar bis 15. Februar 2019 in Riedstadt, dann folgt Rüsselsheim.

Wer die Veranstaltung im Kreishaus verpasst hat, hat die Chance, ein Video-Bericht der Veranstaltung mit einem Interview mit Prof.in Dr. in Rita Süssmuth unter https://www.youtube.com/kreisgg auf dem Youtube-Kanal des Kreises zu sehen. 

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