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Probleme gemeinsam angehen

Gut besuchter „Fachtag Sucht“ im Landratsamt

Das Thema Sucht zieht sich durch alle Altersgruppen und durch alle gesellschaftlichen Schichten: vom Jugendlichen bis zu älteren Menschen, vom Arzt bis zum Langzeitleistungsbezieher. Dabei leiden nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihr soziales Umfeld. Um beim Umgang mit Suchterkrankungen und mit Suchtkranken neue Wege zu gehen, hatten die Liga der Freien Wohlfahrtspflege und die Kreisverwaltung zu einem „Fachtag Sucht“ ins Groß-Gerauer Landratsamt eingeladen. Knapp einhundert Teilnehmende, darunter Vertreter von Selbsthilfegruppen, Kliniken, des Kommunalen Jobcenters und der Agentur für Arbeit sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Beratungsstellen und Behörden nahmen diese Möglichkeit wahr, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, Erfahrungen auszutauschen und zu diskutieren.

„Wir stehen vor der Aufgabe“, so Erster Kreisbeigeordneter Walter Astheimer in seiner Begrüßung, „Auswirkungen von Suchterkrankungen zu lindern und wirkungsvolle Unterstützung zu geben!“. Dabei wolle man das Thema Sucht weder als alleiniges Problem des Betroffenen noch als reine Aufgabe von Suchtberatungsstellen begreifen: „Sondern wir möchten dafür werben, dass hier alle relevanten Dienste und Einrichtungen mit und für die Menschen zusammen arbeiten!“

Siegfried Schwaab, Kreis–Vorsitzender der Liga und Geschäftsführer des Sozialpsychiatrischen Vereins machte auf die Herausforderungen aufmerksam: „Für die Betroffenen ist in aller Regel die Sucht nur eines von mehreren Problemen. Doch sie sind alle miteinander verwoben und keines lässt sich bearbeiten, ohne dass die anderen mit einbezogen werden. Um mit multiplen Problemlagen umgehen zu können, müssen wir zusammenarbeiten und voneinander lernen.“

Entsprechend wollten die Veranstalter den Fachtag denn auch vor allem dazu nutzen, um sich mit dem Aspekt eines gemeindeorientierten Ansatzes zu beschäftigen: Warum ist es wichtig, dass es eine gute Vernetzung zwischen allen Akteuren in der Sozial- und Arbeitsverwaltung, den Beratungsstellen und den sozialen Diensten und Einrichtungen sowie der Selbsthilfe gibt? Wie kann es gelingen, Menschen mit Suchterkrankung zu einem Leben zu motivieren, dass nicht von der Sucht bestimmt wird?

Der Psychiater Dr. Martin Reker von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel stellte einen gemeindeorientierten Ansatz in der Arbeit mit Suchtkranken vor. Damit sich der Verzicht auf Drogen lohne, müsse man zunächst herausfinden, aus welchen Gründen das für diesen Menschen erstrebenswert sein kann. Mit allgemeinen Argumenten wie „Das ist schädlich für ihre Gesundheit!“ oder „Schauen Sie sich mal ihre Leberwerte an!“, komme man da nicht weiter. „Schließlich essen wir auch nicht jeden Tag Salat“. Für einige sei es attraktiv mit dem Konsum aufzuhören, um den Führerschein wiederzuerlangen, weil Mobilität für sie besonders wichtig ist. Andere wollten zum Beispiel ihre Partnerschaft erhalten oder das Sorgerecht für ihre Kinder behalten. „Die Ziele sind so individuell wie die Menschen. Das gilt es herauszufinden und zu unterstützen“, betonte Dr. Reker. Und für diese Unterstützung sei eine gute Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen den relevanten Institutionen wichtig.

Was bisher bereits im Kreis erreicht wurde und was noch weiterentwickelt werden kann, erarbeiteten die Teilnehmer in vier interdisziplinären Workshops mit den Themen „Arbeit und Beschäftigung“, „Jugendhilfe und Suchthilfe“, „Alter und Sucht“ sowie „Soziales Umfeld als Ressource“ (Partnerschaft, Selbsthilfe, Freizeit u.a.). Die interdisziplinäre Zusammensetzung und thematische Herangehensweise der Workshopgruppen wurde von allen Teilnehmenden als besonders konstruktiv beurteilt. Dies soll auch in Zukunft so fortgesetzt werden. Zudem soll ein Projekt mit dem Ziel starten, die Prozesse zwischen Arbeitsverwaltung und Suchthilfe weiter zu optimieren. Im Bereich Alter und Sucht, so das Fazit der Arbeitsgruppe, fehlt es noch oft an Informationen, hier soll ein verstärkter Austausch zwischen Suchthilfe und Altenhilfeeinrichtungen erfolgen.

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