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„Niemand soll Schule ohne Anschluss verlassen“

Offener Brief des Landrats Thomas Will zum neuen Schulentwicklungsplan

KREIS GROSS-GERAU – Landrat Thomas Will antwortet in einem offenen Brief Karsten Blume, dem Sprecher der Initiative ehemaliger Mitglieder des Kollegiums der Martin-Buber-Schule in Groß-Gerau. Der Landrat erläutert darin die Ziele des „Zuwanderungskreises“ Groß-Gerau bezüglich des neuen Schulentwicklungsplans angesichts wachsender Schüler*innen-Zahlen. Und er betont das jahrelange Engagement des Kreises mit der Aufstockung und Erweiterung der Schulsozialarbeit, der Beratung durch die Berufswegeplaner*innen an den Gesamt-, Haupt-/Real- und beruflichen Schulen, den temporären bedarfsorientierten Maßnahmen der Jugendförderung und des Jugendbildungswerkes sowie der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Ganztages. 

Das Antwortschreiben ist eine Reaktion auf das Schreiben vom 4. August 2020. Es ist zeitgleich an die Fraktionen des Kreistags und an das Schulamt adressiert. Hier der Brief im Wortlaut:  

„Sehr geehrte Damen und Herren, 

ich freue mich darüber, dass Sie auch über Ihre aktive Zeit im Schuldienst an unserer Martin-Buber-Schule in Groß-Gerau Interesse an der Schulentwicklung im Kreis Groß-Gerau haben, und wir sind offen für einen Dialog mit Ihnen, um an Ihren Erfahrungen zu partizipieren. Ich lade Sie herzlich dazu ein, sich bzgl. eines Termins mit meinem Büro in Verbindung zu setzen.  

Derzeit befinden wir uns aktuell im Prozess der Aufstellung des neuen Schulentwicklungsplanes unter Beteiligung der Schulleitungen mit den jeweiligen Schulgemeinden, des Staatlichen Schulamtes sowie den Kommunen und in Abstimmung mit den beiden anderen Schulträgern im Kreis Groß-Gerau. Im Austausch gewinnen wir die aktuellsten Fakten – eine Komponente für den Entwicklungsplan.

Jedoch betreiben wir nicht nur in der Phase der Erstellung des neuen Entwicklungsplanes Schulentwicklung. Neben der Abarbeitung der seit 1994 immer wieder fortgeschriebenen Madrili hat der Kreis GG im Jahr 2019 die Schulbauinitiative mit einem Volumen von 365 Millionen € für den Zeitraum bis 2028 erarbeitet und verabschiedet. 

Die Bedarfe an Schulsanierung, -ausbau/-erweiterung sowie Neubau werden stets im bewährten Verfahren unter der Beteiligung der Schulleitungen, des Staatlichen Schulamtes sowie der Elternvertretungen und Kommunen eruiert, konzeptioniert, politisch verabschiedet und umgesetzt. Dies geschieht jeweils individuell auf das Projekt bezogen in zahlreichen Gesprächen, Arbeitsgruppen, Gremien und Workshops. Neben den Expert*innen der oben genannten Beteiligten werden externe Sachverständige hinzugezogen. Diese Haltung gilt auch bezogen auf die Größe einer Schule: Jede Schule ist individuell zu betrachten und letztendlich entscheiden pädagogische Gründe über eine Teilung. So auch im Falle unserer größten Grundschule im Kreis, der Pestalozzischule in Raunheim. Hier entschieden wir nach einem eingehenden Prozess aller o.g. Fachstellen und Gremien, bis letztendlich der Landesebene, dass sinnhaft die Schule geteilt und eine weitere neue Grundschule am Standort errichtet wird. Die Schulbezirke wurden nach sozialen Kriterien und in Abstimmung errichtet. 

Meiner Meinung nach kann nicht generell eine bestimmte Höhe der Schüler*innenanzahl an einer Schule darüber entscheiden, ob die Schule geteilt wird. Dies ist jeweils individuell zu betrachten und auch zu entscheiden – Sekundarstufen 1 benötigen eine gewisse Größe, um Differenzierung zu ermöglichen. Aus meinen Gesprächen mit den Schulleitungen weiß ich, dass diese bezogen auf die Frage, wie groß darf eine Schule sein?, sehr unterschiedliche Meinungen vertreten.  

Unser Zuwanderungskreis Groß-Gerau wächst zunehmend und neben planbaren Indikatoren, wie z.B. Geburtenzahlen, ergeben sich weitere unkalkulierbare wie Flüchtlingszuwanderung, sich plötzlich entwickelnde Tendenzen wie z.B. Zuzug aus Ost-Europa, ungeplante Verdichtungen im Wohnungswesen etc., auf die mit einer hohen Flexibilität reagiert werden muss, was durch die guten Kooperationsstrukturen und des erprobten und verlässlichen Miteinanders der o.g. Akteur*innen in aller Regel gut gelingt. Grundlage hierfür sind die entsprechenden finanziellen Mittel, die die Kreispolitik durch ihre Beschlüsse in ihren Gremien dafür bereitstellt. So hat der Kreis Groß-Gerau in den vergangenen 10 Jahren rund 152.000.000 Euro für Schulsanierung und -ausbau zur Verfügung gestellt und investiert. 

Die wachsenden Schüler*innenzahlen und deren Prognose ist ein Hauptthema im Rahmen der Schulentwicklung, zuzüglich des Wahlverhaltens der Schüler*innen und deren Eltern im Übergang von der 4. in die 5. Klasse, aber auch durchaus von Sek1 in Sek2. Hier kommt es mitunter zu nicht prognostizierbaren Trends. Kommen dann noch Faktoren hinzu, wie kurzfristige Entscheidungen benachbarter Landkreise, Schüler*innen unseres Kreises nicht mehr an ihren Schulen aufzunehmen, dann kommt es dazu, dass bestimmte Schulen aufgrund der regionalen Verortung oder Beliebtheit der Schulform eher „volllaufen“ als andere.  

Ein Beispiel auch hierzu: Die Martin-Buber-Schule Groß-Gerau. Aufgrund ihrer zentralen Lage, der Schulform, ihrer pädagogischen inhaltlichen Ausrichtung und Haltung erfreut sie sich größter Beliebtheit, bei jungen Menschen aus Groß-Gerau, Nauheim, Trebur, Büttelborn u.a. Nach Entscheidung des Landkreises Darmstadt-Dieburg, keine Schüler*innen aus Büttelborn mehr in Weiterstadt aufzunehmen, was jahrelange Tradition hatte, kommen nun diese zusätzlich bei der MBS an. Hier sind dann ggf. generelle steuernde Überlegungen und Interventionen gefragt. Konzeptionelle Überlegungen wie: Die Gerhard-Hauptmann-Schule in Königstätten (ehemalige Haupt-/Realschule) wird zur IGS und öffnet sich für die Nauheimer Schüler*innen; was wäre, wenn auch unsere Mittelpunktschule in Trebur sich zu der beliebten Schulform IGS wandeln würde, um so ein weiterer potentieller Magnet für Schüler*innen aus Nauheim, Trebur und Bauschheim zu sein – das Gelände für eine moderne Erweiterung wäre vorhanden. Die MBS könnte entlastet werden. Oder eine andere Überlegung: einen zweiten Standort in Groß-Gerau zur MBS zu errichten.  

Ein weiteres Beispiel: Die Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden Walldorf. Eine IGS mit Oberstufe, die seit Jahren ebenfalls aus den o.g. Gründen wächst und nochmals größer ist als die MBS in Groß-Gerau – die Schulleiterin ist hier aufgrund ihres Konzeptes und der Schulstruktur offen für eine sehr große Schule. Dennoch wissen wir auch hier, dass diese Schule mit steigenden Schüler*innen noch größer werden wird. Bei jeglicher Offenheit für eine sehr große Einheit braucht es auch hier den schulentwicklerischen Dialog über weitere Möglichkeiten eines zukunftsträchtigen Konzeptes. Ebenso vorstellbar zwei eigenständige IGSsen jeweils mit attraktiven Ausrichtungen und einer eigenständigen Oberstufe auf einem Campus. 

Im Südkreis sind wir mit der Martin-Niemöller-Schule im intensiven Austausch. Nach verschiedenen Erweiterungen und Sanierungen in den letzten 20 Jahren steht hier seit längerem eine Sanierung bzw. der Ersatz der alten Klassentrakte und des musischen Traktes an.  Aus heutiger Sicht ist es gut, dass das noch nicht umgesetzt wurde, denn nun sind wir aktuell bedarfsorientiert im pädagogischen und baulichen Dialog bzgl. einer weiteren Oberstufe im Südkreis. 

Alles denkbar und innerhalb der Schulentwicklungsplanung zu dialogisieren – es ist wichtig, sich die bestehenden Konzepte, Ausrichtungen und Aufstellungen immer wieder einmal anzuschauen und diese zu evaluieren, um letztendlich sinnvolle zukunftsträchtige Lösungen zu realisieren. Wir sind dran! 

Neben der baulichen Schulentwicklung unterstützt der Schul- und Jugendhilfeträger Kreis Groß-Gerau die Schulen seit rund 20 Jahren mit Schulsozialarbeit (aktuell wurde die personelle Aufstockung und die Erweiterung auf Förderschulen und Gymnasien verabschiedet) in allen Schulformen. Hinzu kommen Beratung durch die Berufswegeplaner*innen an den Gesamt-, Haupt-/Real- und beruflichen Schulen, die temporären bedarfsorientierten Maßnahmen der Jugendförderung und des Jugendbildungswerkes sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung des Ganztages, um die Schüler*innen (und Familien) auf Ihrem Weg zu unterstützen und die Chancengleichheit nochmals auf diesem Weg zu flankieren. Unser Ziel und Leitgedanke: Keine Schülerin und kein Schüler verlässt die Schule ohne Anschluss!  

Mit freundlichen Grüßen 

(Thomas Will)

Landrat“

 

 

 

 

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