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Leben im Denkmal

Kreis Groß-Gerau verleiht erstmals Denkmalschutzpreis

Gruppenfoto nach der Preisverleihung: Erster Kreisbeigeordneter Walter Astheimer (hinten rechts) gratulierte den Preisträgern und Preisträgerinnen (von links) Claudia Macaluso-Wellensiek und Tim Wellensiek mit ihrer Tochter Aurelia, Edgar und Charlotte Splitter sowie Jochen Herter. Foto: Kreisverwaltung

KREIS GROSS-GERAU – Jochen Herter aus Gernsheim ist Träger des ersten Denkmalschutzpreises, den der Kreis Groß-Gerau seit diesem Jahr verleiht. Der Denkmalbeirat des Kreises, der als Jury fungierte, hat ihn für das Projekt „Altes Kino“ ausgezeichnet. Ein früherer Besitzer des denkmalgeschützten Gebäudes im Stil des Ziegelexpressionismus der zwanziger Jahre in der Schillerstraße 18 in Gernsheim, das früher auch als Tanzsaal genutzt wurde, wollte das Haus abreißen. Das Landesamt für Denkmalpflege lehnte den Abbruchantrag jedoch ab. In einem Verfahren vorm Verwaltungsgericht einigte man sich auf einen möglichen Teilabriss. Das Landesamt für Denkmalpflege stellte in Aussicht, die Planung für eine künftige Nutzung des ehemaligen Kinos zu Wohnzwecken durch einen Architekten zu finanzieren. 

Dies war der Startschuss für Jochen Herter, der das Gebäude vom früheren Eigentümer übernahm. Es bereitete ihm viel Freude, mit der Denkmalbehörde zusammenzuarbeiten, sagte er am Freitag (14. Dezember) in seiner Dankesrede im Georg-Büchner-Saal des Landratsamts. Es gelang ihm, historische Substanz zu erhalten – das historische Stahlhängewerk ist in der Wohnung im Obergeschoss erlebbar – und das Haus für eine zeitgemäße Nutzung herzurichten.

Genau dies ist, neben dem architektonischen Wert eines Gebäudes, die Begründung für die Preisvergabe und für das Ausloben des Wettbewerbs, bei dem in dieser ersten Auflage acht Objekte zur Wahl standen. „Wir wollen das Interesse am und das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern für den Denkmalschutz wecken und würdigen“, sagte Erster Kreisbeigeordneter Walter Astheimer im Eingangsgespräch mit Veranstaltungsmoderator Christian Döring. „Wir möchten sensibilisieren für Schönheiten der Architektur aus früheren Epochen und zeigen, welche Schätze es bei uns im Kreis Groß-Gerau gibt“, so Astheimer. Der mit insgesamt 10.000 Euro dotierte Preis (gestaffelt: 5000, 3000 und 2000 Euro für ersten bis dritten Platz) soll künftig alle zwei Jahre vergeben werden, um Best-Practice-Beispiele bekannter zu machen.  

Der Jury fiel die Entscheidung nicht leicht, denn alle acht Wettbewerbsteilnehmer hatten Großartiges geleistet. Zum Dank und als Wertschätzung waren auch alle zur Preisverleihung eingeladen worden, bei der jedes Projekt in einem Kurzfilm vorgestellt wurde. Laudatoren für die drei Erstplatzierten waren Walter Astheimer, Adrienne Mittelstädt und Lebrecht Viebahn vom Denkmalbeirat. Für den musikalischen Rahmen der kleinen Feier sorgte Anke Schimpf, die Stücke für Saxofon und für Querflöte spielte. 

Auch bei den weiteren Preisträgern steht das Leben im Denkmal im Vordergrund. „Denkmalpflege und modernes Wohnen schließen sich nicht aus“, betonte Adrienne Mittelstädt, die die Zweiten würdigte: Claudia Macaluso-Wellensiek und Tim Wellensiek waren mit ihrer Tochter Aurelia ins Landratsamt gekommen, die in der Gernsheimer Hafenstraße 2 ein „großes Zimmer“ für sich hat, wie sie erklärte. Sie wohnt mit ihren Eltern in der Alten Brauerei. Die als erste industrielle Gründung in Gernsheim geltende Hofanlage, bestehend aus Wohnhaus und Nebenanlagen, wurde 1862 von Nikolaus Reis als Brauerei anstelle von Vorgängerbauten (deren Braubrief aus dem Jahr 1752 stammt) erbaut. 2011 wurde die Genehmigung für den Umbau und die Sanierung der alten Brauerei in ein Zweifamilienhaus mit gewerblicher Einheit erteilt. 

Den dritten Platz belegt das Fliedner-Haus in Groß-Gerau. Die klösterliche Anlage am Ende der heutigen Straße Am Burggraben geht bis ins frühe Mittelalter zurück. Das Areal hat eine bewegte Geschichte, unter anderem fand sich dort im 19. Jahrhundert ein Landgerichtsgefängnis. 1954 wurde das Haus zum Heim für die Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher (aus dieser Zeit rührt der Name Fliedner-Haus). Das Gebäude wurde 2007 an die jetzigen Eigentümer verkauft. Es wird seit Fertigstellung der Umbauarbeiten als Einfamilienhaus von Edgar und Charlotte Splitter bewohnt. „Den neuen Eigentümern ist es gelungen, die hohe geschichtliche Identität des Gebäudes zu erhalten und trotzdem eine liebevoll gestaltete Anlage mit privatem Leben zu erfüllen“, lobte der Denkmalbeirat. 

Die weiteren Wettbewerbsteilnehmer/innen:

Heimatmuseum Raunheim/Stadt Raunheim; Familie Baumgartner, Schillerstraße 28 in Gernsheim; evangelische Kirchengemeinde Goddelau; Familie Canibol, Schulstraße 13 in Groß-Gerau; evangelische Kirchengemeinde Mörfelden/Familienzentrum, Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert in der Langgasse 35.

Die Videoclips zu den acht denkmalgeschützten Objekten sind im Internet auf www.youtube.com/user/kreisgg zu sehen.  

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