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„Europa schweigt und schaut weg“

Kapitän Schmitz spricht in Groß-Gerau über Seenotrettung

Bewegende Schilderungen der Seenotrettung im Mittelmeer: Kapitän Reinhard Schmitz (links) und Moderator Volker Siefert vom Hessischen Rundfunk bei der Veranstaltung im Landratsamt.

KREIS GROSS-GERAU –  Wer sich am Dienstagabend in den Georg-Büchner-Saal des Landratsamts aufgemacht hatte, wurde mit einer bitteren Realität konfrontiert. Reinhard Schmitz, ehemaliger Kapitän eines der Rettungsschiffe von SeaWatch im südlichen Mittelmeer, berichtete in einem ergreifenden Film-Vortrag von seinen Erfahrungen und den aktuellen Bedingungen der Seenotrettung im Mittelmeer. Eingeladen hatten die Kreis­volks­hochschule und der Kreis Groß-Gerau im Rahmen der Reihe „Weltrettung. Entwicklungs­politik heute“. 

Der Erste Kreisbeigeordnete Walter Astheimer erinnerte zu Beginn des Abends daran, dass Seenotrettung eine „Verpflichtung seit Menschengedenken“ sei. „Es geht darum, Menschen in Not nicht im Stich zu lassen, Haltung zu zeigen und Humanität zu leben.“ Astheimer zollte der 2016 gegründeten und als gemeinnützig anerkannten Nicht­regierungs­organisation SeaWatch, die für legale Fluchtwege einstehe, Anerkennung für die Arbeit der als gemeinnützig anerkannten, und fragte, wie eine gerechte Welt aussehen könne. 

Die Rolle der Europäischen Union sprach der Moderator des Abends, Volker Siefert vom Hessischen Rundfunk, an. Sie stecke derzeit in einer Zerreißprobe rund um die Frage der Aufnahme der Flüchtlinge. „Das Internationale Seerecht wird ausgehebelt, es gilt nicht für Flüchtlinge in Schlauch­booten“, sagt Reinhard Schmitz, der eindrucksvoll anhand von Bildern und Filmen schilderte, wie die Teams in internationalen Gewässern vor der Küste Libyens Menschen in Seenot retten. Auf der Grenze zwischen Leben und Tod bewegten sich die Rettungs­aktionen, unter großem Einsatz der freiwilligen Helfer/innen, am Rande der Illegalität. Anders als noch vor einigen Jahren seien heute, betonte Reinhard Schmitz, die Einsätze zeitlich kaum mehr planbar, die Unterstützung der italienischen Küstenwache werde eingestellt und die Häfen als Anlaufstellen gesperrt.  

Tatsächlich sei es jetzt in der öffentlichen Wahrnehmung stiller um das Thema geworden, die täglichen Meldungen über die hohen Opferzahlen hätten nachgelassen, so Schmitz. Nicht, weil es Lösungen für die Menschen gebe, die in Schlauch- oder Holzbooten die Meerespassage nach Europa zu überwinden versuchten, weil sie in ihrem Herkunftsland vor Krieg, Terror, Armut oder den Folgen von Korruption und Umweltzerstörung fliehen müssen. Sondern weil die Grenzen stärker abgeriegelt würden und die Menschen oft gar nicht mehr bis ans Mittelmeer gelangten. In den Sammelunterkünften in Libyen herrschten zudem katastrophale Zustände. Schmitz: „Europa schweigt und schaut weg.“ 

Wer sich näher mit der Thematik der Fluchtbedingungen beschäftigen möchte, ist von den Veranstaltern eingeladen, am Mittwoch, 5. Juni 2019, um 19 Uhr zum Vortrag „Todesfalle Sahara“ mit Dr. Ramona Lenz von Medico International in die Kreisvolkshochschule im Schloss Dornberg zu kommen. 

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