Nachrichten_Einzelansicht

„Ein Plakat im Wartezimmer reicht nicht"

Der Groß-Gerauer Internist Dr. Anschütz sagt, wie Menschen zu Sport und Bewegung motiviert werden können

Alle im Landkreis Groß-Gerau ansässigen Internisten, Allgemeinmediziner, Orthopäden, Kinder- und Jugendärzte erhielten im September Post. Es handelte sich hierbei um ein Informationspaket zum Thema „Prävention durch Bewegung“ (Link zur Pressemitteilung vom 26.09.2016: www.kreisgg.de/bewegung). Versendet wurde es vom Landessportbund Hessen in Zusammenarbeit mit dem Sport- und dem Landkreis Groß-Gerau.

Doch was bringt ein solches Paket? Dr. Hans Anschütz, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisvereins Groß-Gerau, hat hierauf eine Antwort.

Dr. Anschütz, Ärzte sollten eigentlich um die Wichtigkeit von Bewegung wissen. Sind solche Pakete dennoch wichtig?

Auf jeden Fall. Schließlich zielt dieses Paket nicht nur darauf ab, Ärzte zu informieren, es enthält auch ganz viele Materialien, die wir unseren Patienten mit nach Hause geben können. Es reicht nämlich nicht, einfach im Wartezimmer ein Plakat aufzuhängen. Entscheidend ist, dass wir den Patienten klarmachen, wie wichtig Sport im Bereich Prävention und Rehabilitation ist und vor allem, wo sie tätig werden können.

Wie läuft eine solche Bewegungsberatung bei Ihnen ab?

Das hängt natürlich vom jeweiligen Patienten ab. Nehmen wir einmal an, jemand hat chronische Rückenschmerzen und war schon mehrfach bei der Krankengymnastik. Das hat kurzfristig Linderung gebracht, doch eigentlich braucht so ein Patient eine dauerhafte Anbindung in eine Bewegungsgruppe. Deshalb stelle ich ihm ein „Rezept für Bewegung“ aus, das auch im Infopaket enthalten ist. Mit diesem symbolischen Rezept empfehle ich körperliche Aktivität – am besten bei Vereinen, deren Angebote mit dem Qualitätssiegel „Sport pro Gesundheit" zertifiziert sind. Damit der Patient sieht, wie vielfältig die Auswahl ist, gebe ich ihm einen Fitnesswegweiser mit nach Hause. In diesem Heftchen sind alle Angebote aufgelistet – geordnet nach Landkreisen und Schwerpunkt des Angebots und versehen mit dem Ansprechpartner, an den sich die Patienten dann direkt wenden können.

Wie reagieren die Patienten auf eine solche Bewegungsempfehlung?

Grundsätzlich sind die meisten interessiert. Doch wie viele dann tatsächlich ein solches Bewegungsangebot wahrnehmen, weiß ich natürlich nicht. Eine wichtige Rolle spielt, dass zahlreiche Krankenkassen einen Teil der Kursgebühren für „Sport pro Gesundheit"-Angebote zurückerstatten. Da horchen viele auf – schließlich ist das neben der Arztempfehlung ja auch nochmal ein Hinweis darauf, dass Bewegung sinnvoll ist und deshalb auch belohnt wird.

Eignen sich Vereinsangebote besonders gut für den Einstieg?

Prinzipiell sind alle Angebote geeignet, an die man sich längerfristig bindet, weil für Prävention und Rehabilitation vor allem eines wichtig ist: dran bleiben. Ein Vorteil von Vereinen ist das breit gestreute Angebot: Fast überall gibt es Vereine, die zertifizierte Kurse mit den Schwerpunkten Herz-Kreislauf, Muskel- und Skelettsystem, Entspannung/Stressbewältigung oder Koordination/motorische Förderung anbieten. Für manche Patienten – gerade für Frauen – spielt sicher auch die soziale Komponente eine Rolle. Der Vorteil gegenüber Krankengymnastik besteht darin, dass der Körper viel komplexer gefordert und nicht nur die betroffene Stelle, etwa ein Gelenk, behandelt wird.

Sie sind Vorsitzender des Ärztlichen Kreisvereins Groß-Gerau. Sprechen Sie auch in diesem Gremium über Bewegungsberatung?

Ja, wir haben für das kommende Jahr einen Informationsabend zum Thema geplant. Dabei werde ich zusammen mit einer Mitarbeiterin des Landessportbundes Hessen erklären, wie die Inhalte des Präventions-Paketes am besten eingesetzt werden. Denn Informationsmaterialien sind gut, aber sie wirken nur, wenn die Ärzte auch überzeugt sind und wirkliche Bewegungsberatungen durchführen. Mir hilft es zum Beispiel, dass immer ein Fitnesswegweiser auf meinem Schreibtisch liegt. Das erinnert mich daran, die Patienten auf die dort aufgelisteten Angebote hinzuweisen.

Müsste die Politik Ihrer Ansicht nach Anreize setzen, um Ärzte zur Bewegungsberatung zu motivieren?  

Ich halte es nicht für realistisch, dass es dafür ein Budget gibt – aber wünschenswert wäre es auf jeden Fall. Eine Bewegungsberatung mit dem Fitnesswegweiser dauert länger als die Ausstellung eines Krankengymnastik-Rezeptes. Wenn die Ärzte für diese Beratung ein paar Euro bekommen würden, wäre das sicher ein Anreiz.

Sie selbst halten sich durch Tennis und Fahrradfahren fit. Was würden Sie Menschen, die noch gar kein Sport treiben, mit auf den Weg geben?

Immer langsam beginnen! Ganz nach dem Motto: „Lieber lange und locker als kurz und kräftig“. Auch wenn man am Anfang enttäuschend wenig leisten kann, merkt man doch sehr schnell, dass man sich steigert. Außerdem rate ich jedem, sich etwas zu suchen, das ihm Spaß macht. Nicht jeder läuft gerne, aber vielleicht ist Schwimmen das Richtige. Außerdem hilft es, Sport mit Leuten zu treiben, die ähnliche Probleme haben. Wenn jemand sagt: „Ich bin so dick, ich möchte mich nicht zeigen“, kann er sich eine Gruppe suchen, in denen auch andere Teilnehmer Probleme mit Übergewicht haben.

 

Infobox „Prävention durch Bewegung": 

  • Ende September haben der Landessportbund Hessen, der Land- und der Sportkreis Groß-Gerau ein Informationspaket zum Thema „Prävention durch Bewegung“ an zahlreiche Ärzte des Kreises verschickt
  • Enthalten waren Hintergrundinformationen für die Ärzte, ein Wartezimmerplakat sowie der „Fitness-Wegweiser“. Dieser listet neben allgemeinen Informationen auch alle hessischen Turn- und Sportvereine auf, die mit dem Zertifikat „Sport pro Gesundheit“ ausgezeichnete Angebote im Programm haben. Dabei wird in die Schwerpunkte Herz-Kreislauf, Muskel-Skelett, Allgemeine Prävention und Entspannung/Stressbewältigung unterschieden  
  • Im Paket enthalten sind zudem Vordrucke des sogenannten „Rezepts für Bewegung“. Mit diesem symbolischen Rezept können Ärzte eine schriftliche Empfehlung für körperliche Aktivität aussprechen und speziell auf Angebote aus dem Fitness-Wegweiser verweisen

Weitere Informationen sowie einen Fitness-Wegweiser erhalten Interessierte bei ihrem Arzt oder unterwww.gesundheitssport-in-hessen.de. . 

Der Kreisausschuss des Kreises Groß-Gerau
Wilhelm-Seipp-Str. 4
64521 Groß-Gerau

06152 989-0
Fax: 06152 989-133
info@kreisgg.de