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Bereitschaftspflegemütter berichten von ihrer Aufgabe:

Die ganze Familie ist gefragt

In geselliger Runde treffen sich Bereitschaftspflegemütter regelmäßig zum Erfahrungsaustausch. Das kann beim Frühstück sein oder auch beim jährlichen Sommerfest, das das Kreisjugendamt für die Familien organisiert. Foto: Kreisverwaltung

KREIS GROSS-GERAU – Der Frühstückstisch ist schön gedeckt, die großen und kleinen Gäste trudeln nach und nach ein: Es ist mal wieder Zeit für ein zwangsloses Treffen von Bereitschaftspflegemüttern im Kreis Groß-Gerau samt Kindern. Ungefähr alle sechs Wochen kommen sie vormittags zusammen, um sich im lockeren Rahmen über ihre Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen. Reihum ist jede einmal Gastgeberin. An diesem Tag begrüßt Regina Schmidt bei sich zu Hause, die aktuell ein quirliges Mädchen betreut und bereits zwei Pflegekinder großgezogen hat.

Mit dabei in der Runde sind diesmal auch Petra Guthe und Fachdienstleiterin Ute Rödner vom Besonderen Sozialen Dienst des Fachbereichs Jugend und Familie der Kreisverwaltung Groß-Gerau. Petra Guthe steht den Pflegefamilien als Ansprechpartnerin zur Verfügung, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Denn Kinder im Alter bis zu fünf Jahren bei sich in der Familie aufzunehmen, die aus Gründen des Kinderschutzes aus der Herkunftsfamilie heraus genommen werden müssen, ist für sie eine Herzensangelegenheit, wie die Frauen betonen; aber es kann auch problematische Phasen geben, sagt Jutta Wenner, die schon einmal einen besonders aggressiven Jungen betreut hat, der sich schwer in eine Gemeinschaft einfügen konnte.

„Jedes Kind bringt seine eigene Geschichte und seinen Charakter mit. Dessen muss man sich bewusst sein“, sagt die Pflegemutter, die im achten Jahr dabei ist. „Es sind ja bedürftige, oft traumatisierte Kinder“, ergänzt Ute Rödner. Da braucht es auf jeden Fall etwas Eingewöhnungszeit.
Oftmals blühen diese Kinder geradezu auf, wenn sie in eine liebevolle Pflegefamilie kommen. Darum ist es dem Jugendamt auch so wichtig, dass ausreichend Bereitschaftspflegefamilien im Kreis zur Verfügung stehen. Die Behörde sucht, auch angesichts steigender Fallzahlen, immer wieder neue Pflegeeltern. Diese Familien müssen sich einig sein, dass sie die Aufgabe übernehmen wollen: „Die ganze Familie muss das mittragen“, betont Agnieszka Winter, die ein kleines Mädchen zu ihren zwei eigenen Kindern aufgenommen hat. Nun soll in ihrem Fall die Bereitschafts- zur Dauerpflege werden.

Wann und ob überhaupt so etwas geschieht, hängt vom Einzelfall ab. Bereitschaftspflege reicht von ein paar Tagen bis zu ein paar Monaten. Konzeptionell sollte sie bis zu drei Monate dauern, aber es gibt keine Obergrenze. „Das kann auch länger sein“, sagt Petra Guthe. Denn es ist individuell sehr verschieden, wie lange es dauert, bis die Situation in der Herkunftsfamilie der Kinder bereinigt ist, es neue Perspektiven gibt. Auch klärende Gerichtsverfahren können sich länger hinziehen.

Während dieser Zeit wollen die Bereitschaftspflegeeltern den Kindern Wärme, Geborgenheit, Mitgefühl schenken. „Wir haben so viel Liebe übrig“, sagt Birgit Vogler beim Frühstück. Sie hat drei eigene Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren, ist seit knapp einem Jahr dabei und hat in dieser Zeit „drei wundervolle Kinder“ vorübergehend mit behütet. Bei Julia Paillet und ihrer fünfköpfigen Familie ist es ähnlich: „Wir haben genug Platz in unseren Herzen, das zu tun.“ Auch sie stieß vor etwa einem Jahr zu der Runde, nachdem ihr eine Freundin von der Möglichkeit erzählt hatte, Bereitschaftspflege zu übernehmen.

Nun, da sie sich zu dem Schritt entschlossen hätten, erfahre sie von vielen Menschen Anerkennung, sagt Julia Paillet – oft verbunden mit dem Zusatz „Wir könnten das nicht“. Begründung: Weil man ja eine Bindung zu einem Kind aufbaue, die dann über kurz oder lang wieder gelöst werden müsse. Auch wenn das sicherlich richtig ist, sind sich die Frauen in der Frühstücksrunde doch einig, dass die Bereitschaftspflege eine „wunderschöne Aufgabe“ ist, wie Iris Barlmeyer sagt. Und Jutta Wenner ergänzt: „Wenn man sieht, wie die Kinder kommen und wie sie sich entwickelt haben, wenn sie wieder gehen, ist das der schönste Lohn.“

Voraussetzungen, die Bereitschaftspflegefamilien erfüllen sollten:

Die Familien haben Erziehungserfahrung und ein stabiles Fundament des Zusammenlebens.  Die Eltern haben ein gutes Gespür und Kompetenz für die erzieherischen Anforderungen. Mindestens ein Elternteil muss ausreichend Zeit, Kraft und die Ausdauer haben, sich der neuen Herausforderung zu stellen.
Alle Familienmitglieder müssen für die Aufnahme eines neuen, „fremden“ Kindes bereit sein und diese Entscheidung gemeinsam tragen.
Die Pflegefamilien müssen den Pflegekindern in regelmäßigen Abstand Kontakt zur Herkunftsfamilie ermöglichen. Diese Treffen finden auf neutralem Boden, zum Beispiel im Groß-Gerauer Landratsamt, statt. In der Regel sind auch Mitarbeiterinnen des Jugendamts dabei.

Wer sich für die Aufgaben der Bereitschaftspflege interessiert, kann sich an den Pflegekinderdienst des Kreisjugendamts Groß-Gerau wenden: pflegekinderdienst@kreisgg.de. Bereitschafts- wie Dauerpflege werden vom Jugendamt honoriert.

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