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Seit einem Jahr im Krisenmodus: Der Kreis Groß-Gerau bilanzierte die Folgen der Afrikanischen Schweinepest bei einer Pressekonferenz. Das Bild zeigt von links: Patrick Fülling (Vorsitzender Kreisjägervereinigung), Klaus Velbecker (Hessen Forst), Dr. Katrin Stein (Veterinärmedizinerin Kreis Groß-Gerau), Adil Oyan (Erster Kreisbeigeordneter), Selina Müller (Geschäftsführerin Regionalbauernverband Starkenburg) und Markus Stifter (Landesjagdverband Hessen). Bild: Kreisverwaltung

Drastische Bilanz eines Seuchenjahrs

Pressekonferenz des Kreises Groß-Gerau zur Afrikanischen Schweinepest

KREIS GROSS-GERAU – „Wir haben einen ASP-Verdachtsfall im Kreis – dies ist keine Übung“ – mit diesen Worten wurde am Freitagabend, 14. Juni 2024, Amtstierärztin Dr. Katrin Stein vom Leiter des Veterinäramts alarmiert. Tags drauf die Bestätigung durch das Friedrich-Löffler-Institut als Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Das Virus war bei einem krank erlegten Wildschwein in Rüsselsheim nachgewiesen worden. Die Afrikanische Schweinepest hatte Hessen freilich schon früher erreicht. Wie sich später herausstellen sollte, war das älteste infizierte Tier bereits Ende März / Anfang April verendet. Die Seuche hatte sich unbemerkt ausbreiten können.  

Seit einem Jahr fährt der Kreis Groß-Gerau im Krisenmodus: Veterinäramt, Fachbereiche der Kreisverwaltung, Landwirtschaft, Schweinehaltungen, Forstamt, Jagdverband arbeiten Hand in Hand, um die für Wild- und Hausschweine tödliche, für andere Tiere und den Menschen ungefährliche Seuche einzudämmen. Bei einer Pressekonferenz zogen der Erste Kreisbeigeordnete Adil Oyan und Experten von Veterinäramt, Jagd, Landwirtschaft und Forsten eine vorläufige Bilanz. „Die Bekämpfung der Tierseuche ist auch nach zwölf Monaten noch längst nicht ausgestanden“, sagte Oyan. „Durch Restriktionszonen, Wildschutzzäune, Drohneneinsätze mit Wärmebildtechnik und den Einsatz von speziell ausgebildeten Kadaversuchhunden hatte die Ausbreitung des Virus deutlich verlangsamt und eingedämmt werden können.“

„ASP zählt zu den herausforderndsten Tierseuchensituationen, die unser Kreis je bewältigen musste“, sagte Oyan. In der Tat ist der Arbeitsaufwand allein für die Verwaltung enorm: Vierzig Mal hat der Verwaltungsstab getagt, es gab viele ASP-Runden intern und extern mit Fachleuten, zudem 27 Bürgermeister-Dienstversammlungen. Das Rechtsamt des Kreises fertigte 42 Allgemeinverfügungen an. Seit dem 15. Juni 2024 wurden 1474 Proben von Wildschweinen genommen, 601 mit positivem Ergebnis. In acht Hausschweinhaltungen mussten über 3500 Tiere tierschutzgerecht getötet werden. Das Veterinäramt hat 2024 binnen weniger Wochen rund 3000 Erntegenehmigungen erteilt. Etwa 22000 Hektar Kreisfläche (gesamt 45.300 Hektar) wurden bei den kreiseigenen Einsätzen seit März 2025 abgesucht, viele Sektionen wurden mehrmals abgesucht.

Der Umgang mit der ASP zeige aber auch, dass unsere Krisenstrukturen funktionierten, so Oyan. Dass so viele Menschen – von Behörden über landwirtschaftliche Betriebe bis hin zum Ehrenamt – trotz unterschiedlicher Zuständigkeiten an einem Strang gezogen hatten, habe die Wirksamkeit der Maßnahmen entscheidend erhöht. Landwirte hätten „hoch professionell agiert“ und – so schmerzhaft und existenzbedrohend Anordnungen waren – die Tötungen ihrer Tiere mitgetragen.

Die Jägerschaft habe durch intensive Bejagung und Beprobung unter Auflagen und Einschränkungen wesentlich zur Seuchenbekämpfung beigetragen. HessenForst habe organisatorisch und operativ eine tragende Rolle in der ASP-Bekämpfung ausgefüllt, sagte Oyan.

Städte und Gemeinden hätten Personal bereitgestellt und mit der Kreisverwaltung kooperiert, zahlreiche Helferinnen und Helfer, ob Veterinäramt, Katastrophenschutz oder Ehrenamt, hatten bei der Kadaversuche unter oft schwierigen Bedingungen mitgewirkt. Oyan dankte ausdrücklich dem Hessischen Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat für die fachliche, kommunikative und finanzielle Unterstützung. Doch trotz aller Bemühungen, sei bislang die entscheidende Frage nicht geklärt, so Amtstierärztin Dr. Stein: Wie kam das Virus in die Schweinehaltungen? Insekten wie Fliegen oder Schnaken seien keine relevanten Überträger, der Eintragsweg sei nach wie vor unklar. Stein: „Wir wissen nur, dass das Virus vermutlich aus Südost-Europa stammt.“

Entscheidend zur Eindämmung der Seuche sei, die Viruslast in der Wildschweinpopulation zu senken, da Einträge in Hausschweinhaltungen meist in Gebieten mit einer hohen Viruslast aufgetreten seien. Wildschweine sterben laut Dr. Stein einen langsamen, qualvollen Tod: Hohes Fieber, Krämpfe, Blutungen seien typisch für den Verlauf der Krankheit. Und sie berichtete im Pressegespräch vom „Knochenjob Kadaverbergung“ – seit ein paar Monaten hat der Kreis dabei die Einsatzleitung inne, ebenso wie bei der Ausbildung der Kadaversuchhunde. 2000 Stunden Arbeitszeit wurden durch Mitarbeitende der Gefahrenabwehr, Feuerwehr, DRK und andere Hilfseinrichtungen allein bei den notwendigen Keulungen der betroffenen Hausschweinebestände geleistet. Die Verwaltung des Veterinäramtes arbeitet unter Hochdruck.

„Die Jägerschaft unterstützt das Land und die Landkreise seit der ersten Stunde, nachdem die ASP in Hessen aufgetreten ist“, erklärte Markus Stifter, Pressesprecher des Landesjagdverbandes Hessen. „Die Jägerinnen und Jäger spielen eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der ASP, da durch die verstärkte Jagd der Wildschweinbestand und damit das Ansteckungsrisiko reduziert wird.“ Allein im April und Mai 2025 wurden im Kreis Groß-Gerau rund 460 Wildschweine erlegt – beinahe so viele, wie durch die Seuche selbst ums Leben kamen. Die Jäger seien wichtige Partner und Verbündete bei der Bekämpfung der ASP. „Unser Ziel ist es, durch gezielte Bejagung künftig wieder gesunde Schwarzwildbestände in den betroffenen Regionen zu ermöglichen“, ergänzte Stifter. Die Jägerschaft nehme ihren Hegeauftrag und die Verantwortung für die Tiergesundheit sehr ernst.

Klaus Velbecker, Leiter des Forstamtes Groß-Gerau, berichtete, dass auch die forstlichen Arbeiten stark eingeschränkt wurden. Zaunbau, Kadaverbergung und das Verschließen von Durchlässen seien enorme Zusatzaufgaben gewesen. Nach einem rund neun monatigen Jagdverbot stellt die Anpassung der Wildbestände, besonders beim wiederkäuenden Schalenwild, eine große Herausforderung dar. „ASP hat bei uns zu einem kompletten Aufgabenwechsel geführt“, so Velbecker. „Zügig Probleme angehen und erfolgreich bearbeiten, das hat im Zusammenspiel mit den beteiligten Behörden und der Verwaltung sehr gut geklappt“, lobte er die sehr gute Zusammenarbeit besonders zwischen dem Kreis Groß-Gerau und HessenForst Forstamt Groß-Gerau.  

„Anfangs hatten wir noch gehofft, dass sich das Seuchengeschehen würde eingrenzen lassen“, erklärte Patrick Fülling, Vorsitzender des Kreisjägervereins Groß-Gerau. Doch die rasche Ausbreitung habe das Gegenteil gezeigt. Rund 1300 Wildschweine seien bislang pro Jahr im Kreis erlegt worden, Schwarzwild sei ein regionales Lebensmittel gewesen – aktuell könne selbst negativ getestetes Wildschweinfleisch nicht mehr vermarktet werden. Seit dem 1. April 2025 steht die noch intensivere Bejagung der Wildschweine oben auf der Agenda bei der Bekämpfung der Seuche. „Wir müssen die Schwarzwildbestände reduzieren, das ist aktiver Tierschutz, die infizierten Tiere leiden erheblich“, so Fülling. 

Für Selina Müller vom Regionalbauernverband Starkenburg ist ASP „eine Katastrophe“. Landwirte hätten sich bei Ernte und Flächenbearbeitung stark einschränken, Anträge auf Genehmigungen beim Amt stellen müssen. Dramatisch sei die Lage in den schweinehaltenden Betrieben. „Völliger Stillstand in einem Bereich, der wie die Tierhaltung nie stillsteht.“ Langjährige Geschäftsbeziehungen seien ausgesetzt, die Vermarktung eingebrochen. „Betriebe sind in der Existenz bedroht, Familien in einem Ausmaß belastet, den wir uns nicht vorstellen können. Unverschuldet sind sie in diese Situation geraten“, sagte Müller: „Wir wünschen uns von der Politik, dass sie in Verantwortung geht. Die Betriebe brauchen eine Perspektive und verlässliche Rahmenbedingungen. Und wir alle brauchen auch in Zeiten von ASP eine Landwirtschaft mit Zukunft.“