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Landrat besucht Groß-Gerauer Tafel, die Geburtstag hat:

Zehn Jahre: Kein Grund zu feiern

KREIS GROSS-GERAU – „Ich halte Tafeln in der Bundesrepublik Deutschland für einen Skandal. – Aber natürlich brauchen wir die Tafeln.“ So brachte Landrat Thomas Will die gemischten Gefühle auf den Punkt, die aufkommen, wenn man über das Angebot für Menschen mit niedrigem Einkommen nachdenkt, sich zu einem symbolischen Preis mit gespendeten Lebensmitteln einzudecken. Der Landrat war, wie auch Groß-Geraus Bürgermeister Stefan Sauer, anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Groß-Gerauer Tafel zu einem Informationsbesuch ins Mehrgenerationenhaus  geladen worden.

Dort berichteten Lucian Lazar, Leiter des Diakonischen Werks Groß-Gerau/Rüsselsheim, Klaus Engelberty, bei der Diakonie für die Tafeln zuständig, sowie die ehrenamtlichen Helferinnen Marianne Müller und Silvia Dreher über die Aufgaben der Tafel und über die Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre. Einig war sich Thomas Will mit Bürgermeister Sauer und den Vertretern der Diakonie, dass das zehnjährige Bestehen der Einrichtung in Groß-Gerau kein Grund zum Feiern ist. „Wenn wir das System stützen, wird es nie verändert. Aber es träfe die Schwächsten der Schwachen, würde die Arbeit der Tafeln eingestellt“, sagte Stefan Sauer. 
 
Die Versorgung der Menschen ist sichergestellt, sagte Lucian Lazar und bestätigte damit Landrat Wills Eindruck, dass sich die Gesellschaft an die Tafeln gewöhnt habe und die Politik deshalb nicht mehr groß darüber rede, wieso es in einem reichen Land nötig ist, Menschen auf diese Art zu unterstützen. Dabei, so Thomas Will, „ist nur ein Heftpflaster aufgeklebt, aber die Wunde besteht weiter“.

Und das Pflaster reicht aktuell kaum für alle Bedürftigen: Die Lebensmittelspenden gehen zurück, weil die Märkte die Mengen besser kalkulieren, weil sie abends Rabattverkäufe in den Läden machen  und weil somit weniger Lebensmittelreste zum Abgeben übrig bleiben. Das Diakonische Werk hat darauf reagiert und die Kundengruppen neu organisiert: Bezugsberechtigte kommen alle zwei Wochen an die Reihe. Pro Woche versorgt die Tafel rund 90 Haushalte mit gespendeten Lebensmitteln, pro Haushalt sind es im Schnitt rund 2,7 Personen, die somit an kostengünstiges Essen gelangen, erläuterte Klaus Engelberty.

Zwischen 30 und 40 ehrenamtliche Helfer engagieren sich bei der Tafel, sortieren die Lebensmittel vor und geben sie aus. Dabei beraten sie die Nutzer, von denen rund zwei Drittel einen Migrationshintergrund haben. Marianne Müller, Silvia Dreher und ihre Kolleginnen geben auch mal Tipps, zum Beispiel was sich aus Pilzen Schönes kochen lässt oder wie Sauerkraut  zubereitet wird. Der Kontakt zu den Kunden ist den Helfern wichtig, betonen Marianne Müller und Silvia Dreher. Sie bekämen für ihren ehrenamtlichen Einsatz auch viel zurück – „und wenn es einfach nur ein Lächeln ist“. Die Begegnung von Menschen gehört zum Konzept der Groß-Gerauer Tafel.

Zwei Informationen der Tafel-Verantwortlichen nahm Landrat Thomas Will beim Ortstermin aufmerksam auf. Zum einen erfuhr er, dass die Diakonie pro Jahr 5000 Euro für die Entsorgung von verdorbenen Lebensmittelspenden aufbringen muss. Er wolle prüfen, ob nicht eine Entsorgung über die am Abfallwirtschaftszentrum in Büttelborn angesiedelte Fachfirma möglich und günstiger wäre.
Und er hörte den Geburtstagswunsch der Tafel-Mitarbeiterinnen: Es werde dringend ein neuer Kühlwagen gebraucht, weil der alte ständig reparaturbedürftig und daher zu teuer sei. Ein Anfang für die Neuanschaffung ist gemacht, denn die Lidl Stiftung gibt dafür 10000 Euro, sagte Lucian Lazar. Jetzt fehlen noch 31650 Euro. Ein Spendenaufruf ist geplant.

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